Was bedeutet es eigentlich, sanft zu sein?
Sanftheit ist für mich weniger eine bestimmte Art aufzutreten als eine innere Haltung.
Ich verbinde damit Empathie, Offenheit, Wärme und einen bewussten Umgang mit mir selbst und anderen Menschen. Zuhören zu können. Gefühle wahrzunehmen. Nicht jede Situation sofort bewerten zu müssen. Anderen Menschen Raum zu geben und gleichzeitig mit den eigenen Bedürfnissen verbunden zu bleiben.
Vielleicht mag ich deshalb den englischen Begriff Softness so gerne. Denn für mich beschreibt er etwas, das weit über „nett sein“ hinausgeht.
Softness beginnt bei mir selbst
Sanft mit anderen Menschen umzugehen fällt häufig leichter, als dieselbe Haltung sich selbst gegenüber einzunehmen. Wie spreche ich eigentlich mit mir, wenn etwas nicht funktioniert? Wie gehe ich mit Fehlern um? Wie viel Verständnis habe ich für mich selbst, wenn ich einen schlechten Tag habe? Und erlaube ich mir dieselbe Menschlichkeit, die ich bei anderen vollkommen selbstverständlich akzeptiere? Für mich gehört genau das zu Softness.
Nicht jede Situation muss sofort optimiert werden. Nicht jeder Fehler braucht Selbstkritik. Manchmal darf ich auch einfach feststellen: Das war heute nicht mein Tag. Morgen sieht es vielleicht schon wieder anders aus.
Selbstmitgefühl ist mehr als ein schöner Gedanke
Dazu gibt es tatsächlich einen interessanten psychologischen Begriff: Self-Compassion, also Selbstmitgefühl.
Die Psychologin Kristin Neff beschreibt dabei drei zentrale Komponenten: freundlich mit sich selbst umzugehen, schwierige Erfahrungen als Teil des Menschseins zu betrachten und eigene Gedanken und Gefühle bewusst wahrzunehmen, ohne vollständig von ihnen eingenommen zu werden.
Das Spannende daran: Selbstmitgefühl bedeutet in der Forschung gerade nicht, sich alles schönzureden oder keine Verantwortung mehr zu übernehmen.
Studien bringen höheres Selbstmitgefühl unter anderem mit psychischem Wohlbefinden und einem konstruktiveren Umgang mit schwierigen Erfahrungen in Verbindung.
Für mich ist das eine sehr moderne Form von Softness: Ich muss mich nicht schlecht behandeln, um mich weiterentwickeln zu können.
Sanftheit und Grenzen gehören für mich zusammen
Sanftheit bedeutet für mich auch nicht, zu allem Ja zu sagen. Eigentlich finde ich das Gegenteil viel stimmiger.
Wenn ich meine eigenen Grenzen kenne, muss ich nicht erst warten, bis ich vollkommen überfordert oder verletzt bin, um sie deutlich zu machen. Ich kann freundlich sein und trotzdem Nein sagen. Ich kann Verständnis für die Perspektive eines anderen Menschen haben und trotzdem bei meiner eigenen Entscheidung bleiben. Ich kann jemanden mögen und trotzdem feststellen, dass mir etwas nicht guttut. Gerade darin liegt für mich innere Sicherheit.
Empathie bedeutet nicht, alles zu akzeptieren
Auch Empathie wird manchmal missverstanden. Einen Menschen verstehen zu können bedeutet nicht automatisch, sein Verhalten richtig zu finden.
Ich kann nachvollziehen, warum jemand auf eine bestimmte Weise reagiert, und trotzdem entscheiden, dass ich dieses Verhalten in meinem Leben nicht möchte. Diese Unterscheidung finde ich wichtig. Empathie gibt mir die Möglichkeit, differenzierter auf Menschen zu schauen.
Grenzen geben mir gleichzeitig die Möglichkeit, bei mir selbst zu bleiben. Beides darf nebeneinander existieren.
Offen zu sein braucht Vertrauen
Softness bedeutet für mich außerdem, offen sein zu können. Gefühle zeigen. Zuneigung ausdrücken. Ein Kompliment machen. Begeisterung zeigen. Jemandem sagen, dass man ihn vermisst. Sich über etwas ehrlich freuen.
Das klingt banal, macht uns aber gleichzeitig ein Stück weit verletzlich. Denn sobald ich etwas von mir zeige, kann ich nicht vollständig bestimmen, wie mein Gegenüber darauf reagiert. Vielleicht liegt genau darin für mich eine besondere Form von innerer Sicherheit: Nicht jede Reaktion kontrollieren zu müssen, um trotzdem authentisch sein zu können.
Empfangen gehört genauso dazu
Dieser Gedanke verbindet Softness für mich sehr stark mit Feminine Energy. Nicht nur geben, sondern auch annehmen können.
Ein Kompliment einfach mit „Danke“ beantworten.
Sich helfen lassen. Zuneigung annehmen.
Sich umsorgen lassen. Eine schöne Gelegenheit genießen.
Und nicht sofort überlegen, was man dafür zurückgeben muss.
Empfangen bedeutet für mich nicht, passiv zu sein. Es bedeutet, offen dafür zu sein, dass etwas Schönes auch zu mir kommen darf.
Sensibilität kann Informationen liefern
Auch Sensibilität sehe ich nicht grundsätzlich als etwas, das man sich abgewöhnen müsste. Wer fein wahrnimmt, bemerkt häufig Nuancen.
Wie verändert sich die Stimmung in einem Raum? Wie geht es meinem Gegenüber wirklich? Wie fühle ich mich selbst gerade? Passt etwas zu mir oder merke ich bereits ein kleines Unbehagen? Natürlich ist nicht jedes Gefühl automatisch eine Tatsache. Aber Gefühle sind Informationen.
Für mich gehört es zu Feminine Energy, sie wahrzunehmen und anschließend bewusst damit umzugehen, anstatt sie grundsätzlich als störend zu betrachten.
Softness zeigt sich auch in Kreativität
Beim kreativen Arbeiten begegnet mir diese Haltung ebenfalls. Ich muss eine Idee nicht erzwingen. Manchmal probiere ich eine Farbe aus und merke erst dabei, wohin sich das Design entwickeln soll. Manchmal verändert sich eine Torte während des Gestaltens vollkommen. Und manchmal entsteht gerade dadurch etwas, das ich vorher überhaupt nicht geplant hatte.
Dieses Offenbleiben für das, was während eines kreativen Prozesses entsteht, ist für mich ebenfalls eine Form von Softness. Nicht alles muss vorher feststehen.
Warum Softness für mich zu Feminine Energy gehört
Wenn ich über Feminine Energy spreche, gehört Sanftheit für mich deshalb ganz selbstverständlich dazu.
Aber nicht als bestimmte Rolle, die eine Frau erfüllen soll.
Sondern als Möglichkeit, mit sich selbst und anderen Menschen umzugehen.
Empathisch sein und Grenzen haben.
Offen sein und sich selbst kennen.
Gefühle zulassen und trotzdem bewusst entscheiden.
Empfangen und gleichzeitig selbst gestalten.
Vertrauen und trotzdem Verantwortung für das eigene Leben übernehmen.
Diese Dinge schließen sich für mich nicht gegenseitig aus.
Sie ergänzen sich.
Vielleicht müssen wir nicht immer härter werden
Wenn etwas nicht funktioniert, lautet der Reflex schnell: mehr Disziplin, mehr Kontrolle, dickere Haut. Aber vielleicht ist „härter werden“ nicht immer die einzige Form von persönlicher Entwicklung. Vielleicht kann Entwicklung auch bedeuten, sich selbst besser kennenzulernen.
Klarer zu werden.
Bewusster auszuwählen, wem und was man seine Energie gibt.
Sich selbst freundlicher zu begegnen.
Offener für schöne Dinge zu werden.
Und gleichzeitig die eigenen Grenzen ernst zu nehmen.
Genau das bedeutet Softness für mich: nicht weniger von mir zu sein, sondern sicher genug in mir selbst zu sein, um sanft bleiben zu können.

