Schön reicht nicht: Was ich beim Gründen lernen musste

Ästhetik und Selbstständigkeit haben mich beim Aufbau von Cake Affairé einiges gelehrt. Ich wollte anfangs möglichst alles schön, hochwertig und perfekt aufeinander abgestimmt gestalten. Doch im Alltag habe ich schnell gemerkt, dass eine schöne Lösung nicht automatisch praktisch ist. Von schweren Servierplatten über zu viel Auswahl bei Füllungen bis hin zu Materialien und Gestaltungsmöglichkeiten habe ich gelernt, dass weniger manchmal mehr ist und ein guter Rahmen die Erfahrung für Teilnehmer sogar verbessern kann. Heute weiß ich: Ästhetik ist für meine Marke weiterhin wichtig, aber sie muss funktionieren, damit sie langfristig Teil eines guten Erlebnisses sein kann.

Ästhetik und Selbstständigkeit – eine Erkenntnis, mit der ich nicht gerechnet habe

Als ich angefangen habe, Cake Affairé aufzubauen, hatte ich von vielen Dingen ein sehr klares Bild im Kopf. Ich wollte, dass sich jedes Detail hochwertig anfühlt. Die Snacks sollten schön angerichtet sein, die Getränke stilvoll präsentiert werden, die Behälter zu meinem Markenauftritt passen und der gesamte Workshop eine harmonische Ästhetik ausstrahlen. Ich dachte lange, dass die schönste Lösung automatisch auch die beste Lösung sein würde. Heute sehe ich das anders. Nicht, weil Ästhetik für mich unwichtig geworden ist – ganz im Gegenteil. Sie ist nach wie vor ein zentraler Bestandteil meiner Marke. Aber ich habe gelernt, dass Schönheit allein nicht ausreicht. Gerade in der Selbstständigkeit müssen Ideen nicht nur gut aussehen, sondern auch im echten Alltag funktionieren.

Eine wunderschöne Snackplatte, die in der Praxis nicht funktioniert hat

Eines meiner besten Beispiele ist die Snackplatte für meine Workshops. Am Anfang hatte ich eine schwere Marmorplatte mit einer organischen Form. Darauf lagen Weintrauben und kleine Snacks genauso, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Auf Fotos sah alles wunderschön aus und genau nach der Atmosphäre, die ich schaffen wollte.

In der Realität brachte diese Lösung allerdings einige Probleme mit sich. Die Platte war schwer zu tragen, musste jedes Mal transportiert werden und ließ sich nur mit viel Aufwand sichern. Damit unterwegs nichts verrutschte, wickelte ich sie komplett in Frischhaltefolie ein. Beim Auspacken musste die Folie anschließend wieder entfernt werden und dabei wurde die liebevoll angerichtete Platte oft wieder durcheinandergebracht. Hinzu kam, dass während der Workshops meist nur ein kleiner Teil der Snacks gegessen wurde. Die übrigen Lebensmittel konnte ich kaum sinnvoll mitnehmen, weil die Verpackung bereits beschädigt oder verschmutzt war.

Heute verwende ich stattdessen eine hochwertige Holzplatte mit passender Haube. Sie lässt sich sicher transportieren, wieder verschließen und nach dem Workshop problemlos mit nach Hause nehmen. Vielleicht wirkt sie etwas schlichter, aber sie funktioniert deutlich besser. Und genau das war eine wichtige Erkenntnis für mich: Die schönste Lösung ist nicht automatisch die beste Lösung. Die beste Lösung ist die, die auch nach dem Workshop noch funktioniert.

Wenn Ästhetik plötzlich Wäsche bedeutet

Ein Beispiel, über das ich heute mit etwas Abstand selbst schmunzeln muss, sind meine ersten Tischsets.

Ich hatte mich für wunderschöne Stoff-Platzsets entschieden, die optisch perfekt zur Location und zu meiner Vorstellung vom Workshop passten. Auf dem gedeckten Tisch sahen sie toll aus und haben genau die Atmosphäre erzeugt, die ich mir gewünscht hatte.

Nur hatte ich dabei einen ziemlich wichtigen Teil vergessen: Diese Tischsets sind dafür da, dreckig zu werden.

Und bei einem Tortenworkshop bedeutet das zwangsläufig Lebensmittelfarbe, Buttercreme, Schokolade und alles, was beim kreativen Arbeiten eben einmal daneben gehen kann. Zwar lassen sich viele Lebensmittelfarben tatsächlich besser auswaschen als andere Flecken, trotzdem musste nach jedem Workshop jedes einzelne Stoff-Platzset in die Waschmaschine, anschließend getrocknet und am Ende auch noch gebügelt werden, damit es beim nächsten Workshop wieder ordentlich auf dem Tisch liegt.

Mit ein paar Monaten Abstand muss ich darüber tatsächlich ein bisschen lachen. Nicht, weil die Idee an sich schlecht war, sondern weil ich mich frage, wie ich damals dachte, dass ausgerechnet Stoff die praktische Lösung für etwas sein könnte, das bei jedem Workshop regelmäßig schmutzig wird.

Heute verwende ich stattdessen Platzsets in einer schönen Farbe, die sich einfach abwischen lassen. Sie sehen weiterhin hochwertig aus, erfüllen aber gleichzeitig ihren eigentlichen Zweck und sind nach dem Workshop innerhalb weniger Minuten wieder sauber.

Ähnlich war es bei den Servietten. Auch hier hatte ich mich zunächst für wunderschöne Stoffservietten entschieden, weil sie auf dem gedeckten Tisch einfach viel schöner aussahen. Im Alltag bedeutete das jedoch wieder: sammeln, waschen, trocknen, bügeln und anschließend alles wieder ordentlich verstauen.

Bei der Menge an Servietten, die bei Workshops benötigt wird, steht der zusätzliche Aufwand für mich heute einfach nicht mehr im Verhältnis zum optischen Vorteil. Auch hier habe ich deshalb eine Lösung gewählt, die weiterhin schön aussieht, aber deutlich weniger Arbeit verursacht.

Ich habe gelernt, dass ein Produkt nicht nur danach beurteilt werden sollte, wie es aussieht, wenn alles perfekt aufgebaut ist. Entscheidend ist auch, was danach passiert.

Das ist eigentlich genau die Art von Erfahrung, die man beim Gründen erst durch das tatsächliche Arbeiten bekommt. Auf einem Moodboard sehen Stoffservietten und Stoffplatzsets vielleicht wunderschön aus. Nach dem zehnten Workshop denkt man plötzlich über ganz andere Dinge nach: Wie schnell ist das sauber? Wie viel Platz braucht es? Wie oft muss ich es waschen? Und wie viel Zeit kostet mich das jede Woche?

Und genau diese Fragen sind heute bei meinen Entscheidungen genauso wichtig wie die Frage, ob etwas schön aussieht.

Dosen?

Auch bei den Getränken hatte ich zunächst eine andere Vorstellung. Jeder Teilnehmer sollte eine schön gestaltete Dose bekommen. Das sah hochwertig aus und passte optisch perfekt zum Konzept. Mit der Zeit merkte ich jedoch, dass diese Lösung viele Nachteile hatte. Viele Teilnehmer tranken die Dose gar nicht vollständig aus. Manche wollten lieber nur ein kleines Glas trinken. Die übrigen Getränke mussten anschließend entsorgt werden. Zusätzlich musste ich jede Dose ausspülen, bevor ich sie wieder transportieren konnte, weil sonst alles klebrig wurde. Heute stelle ich stattdessen Getränke in Flaschen bereit und biete passende Gläser an. Die Teilnehmer können selbst entscheiden, wie viel sie trinken möchten. Nicht geöffnete Flaschen lassen sich wieder verschließen und später weiterverwenden. Dadurch entsteht deutlich weniger Verschwendung und gleichzeitig fühlt sich das gesamte Erlebnis entspannter an. Manchmal ist die praktischere Lösung gleichzeitig auch die nachhaltigere.

Nicht alles muss schön aussehen – manches muss einfach funktionieren

Eine weitere Erkenntnis betrifft die vielen kleinen Dinge, die Gäste oft gar nicht bewusst wahrnehmen. Behälter für Füllungen, Werkzeuge oder Zutaten müssen für mich heute nicht mehr nur schön aussehen. Sie sollen sich leicht reinigen lassen, verschließbar sein, in die Spülmaschine passen und sich gut stapeln und transportieren lassen. Das Gleiche gilt für die Lebensmittelfarben. Anfangs arbeitete ich mit sehr hochwertigen Flaschen, die optisch perfekt zu meinem Konzept passten. Im Workshop zeigte sich jedoch schnell, dass sie sich nur schwer dosieren ließen. Die Farbe tropfte unkontrolliert heraus, die Hände wurden schnell verschmutzt und gerade für Anfänger war die Handhabung unnötig kompliziert. Deshalb bin ich auf größere Flaschen mit einem besseren Dosiersystem umgestiegen. Sie wirken vielleicht etwas weniger elegant, erleichtern den Teilnehmern aber das Arbeiten enorm. Ich habe dadurch verstanden, dass ich nicht nur für mich entscheide. Ich entscheide immer auch für die Menschen, die später mit den Materialien arbeiten.

Ästhetik darf nicht auf Kosten der Erfahrung gehen

Das war wahrscheinlich die wichtigste Erkenntnis überhaupt. Eine wunderschöne Lösung bringt wenig, wenn sie während des Workshops Stress verursacht, unnötig Zeit kostet oder die Abläufe komplizierter macht. Die Teilnehmer erinnern sich am Ende nicht daran, ob ein Behälter besonders hübsch war. Sie erinnern sich daran, ob sie sich wohlgefühlt haben. Ob alles entspannt ablief, sie kreativ sein konnten und ob sie einen schönen Nachmittag erlebt haben. Die Atmosphäre entsteht deshalb nicht nur durch schöne Dinge, sondern auch dadurch, dass im Hintergrund alles reibungslos funktioniert.

Beim Gründen denkt man oft nicht an den Transport

Gerade bei einem mobilen Workshop-Konzept spielt noch ein weiterer Punkt eine große Rolle. Jede Servierplatte, jede Flasche, jeder Behälter und jedes Werkzeug muss transportiert werden. Alles muss ins Auto passen, aufgebaut, wieder eingepackt und anschließend gereinigt werden.

Heute stelle ich mir deshalb bei fast jeder Anschaffung zusätzliche Fragen:

  • Kann ich tragen?
  • Lässt es sich gut reinigen?
  • Ist es stapelbar?
  • Kann ich es sicher transportieren?
  • Kann ich es wiederverwenden?
  • Erleichtert es den Workshop oder macht es ihn komplizierter?

Diese Fragen hätte ich mir am Anfang deutlich häufiger stellen sollen.

Ästhetik ist nicht unwichtig – sie braucht nur eine gute Grundlage

Manchmal wird so getan, als müsste man sich zwischen Schönheit und Funktion entscheiden. Ich glaube inzwischen, dass das gar nicht der richtige Gegensatz ist. Ästhetik ist für Cake Affairé nach wie vor unglaublich wichtig. Sie prägt die Atmosphäre, den Markenauftritt und das gesamte Erlebnis. Aber Ästhetik funktioniert langfristig nur dann, wenn sie auf Lösungen aufbaut, die sich auch im Alltag bewähren. Die Teilnehmer sollen eine schöne Umgebung erleben. Sie sollen gar nicht merken, wie viele Gedanken hinter den kleinen Entscheidungen stecken. Vielleicht ist genau das am Ende gutes Design. Nicht das, was am schönsten aussieht, sondern das, was Schönheit und Funktion so miteinander verbindet, dass sich alles selbstverständlich anfühlt.

Zu viel Auswahl ist nicht automatisch mehr Service

Auch bei den Füllungen musste ich irgendwann feststellen, dass mehr Auswahl nicht automatisch ein besseres Angebot bedeutet. Am Anfang wollte ich möglichst für jeden Geschmack etwas anbieten. Es gab verschiedene Fruchtfüllungen wie Kirsche, Mango, Maracuja, Aprikose, Johannisbeere und Brombeere. Meine Überlegung dahinter war eigentlich schön: Jede Person sollte die Möglichkeit haben, genau das zu wählen, was ihr am besten schmeckt.

In der Realität wurde aber schnell deutlich, dass sich die meisten Teilnehmer immer wieder für dieselben Geschmacksrichtungen entschieden. Besonders Himbeere war sehr beliebt, dazu kamen Varianten wie Mango oder Mango-Maracuja. Die übrigen Füllungen wurden dagegen nur selten gewählt. Manchmal nahm jemand einen kleinen Löffel Johannisbeere oder Kirsche, aber für die große Auswahl an verschiedenen Füllungen gab es schlicht nicht genug Nachfrage.

Dadurch entstand genau das Problem, das ich eigentlich vermeiden wollte: Ich hatte zwar versucht, es allen recht zu machen, produzierte dadurch aber mehr Auswahl, als tatsächlich gebraucht wurde. Was übrig blieb, konnte irgendwann nicht mehr sinnvoll verwendet werden und musste teilweise entsorgt werden.

Heute konzentriere ich mich deshalb stärker auf eine kleinere Auswahl an Füllungen, von denen ich weiß, dass sie gerne genommen werden. Dazu können einige bewusst ausgewählte Alternativen kommen, beispielsweise eine fruchtige und eine schokoladigere Variante. So bleibt die Auswahl interessant, ohne dass für jede theoretisch mögliche Vorliebe ein eigenes Produkt bereitstehen muss.

Dabei habe ich auch etwas über Entscheidungen gelernt: Mehr Möglichkeiten bedeuten nicht automatisch mehr Freiheit. Manchmal machen zu viele Möglichkeiten eine Entscheidung sogar schwieriger.

Kreative Freiheit braucht manchmal einen Rahmen

Diese Erkenntnis hat sich auch auf die Gestaltung meiner Workshops übertragen. Am Anfang dachte ich, ein besonders kreativer Workshop müsste möglichst viele Freiheiten bieten. Jeder sollte seine Torte komplett nach eigenen Vorstellungen gestalten können. Keine Vorgaben, keine feste Idee, keine Grenzen. Auf den ersten Blick klingt das nach maximaler Kreativität. Gerade für Menschen, die noch nie mit Buttercreme gearbeitet oder eine Torte gestaltet haben, kann genau diese Freiheit aber schnell überfordernd werden.

Wenn jemand zum ersten Mal mit Spritztechniken arbeitet, kennt die verschiedenen Möglichkeiten noch gar nicht. Gleichzeitig sieht man auf Pinterest und Instagram unzählige aufwendige Designs und Techniken. Dann entsteht schnell die Vorstellung, genau so etwas selbst umsetzen zu können, obwohl die entsprechende Erfahrung noch fehlt.

Das kann dazu führen, dass jemand sehr viel Zeit damit verbringt, sich überhaupt für ein Design zu entscheiden, oder sich eine Gestaltung vornimmt, die für die eigenen Fähigkeiten in diesem Moment noch zu anspruchsvoll ist. Am Ende steht dann vielleicht nicht das Ergebnis, das man sich vorgestellt hat. Deshalb habe ich gelernt, dass ein kreativer Workshop nicht möglichst viele Optionen braucht. Er braucht einen guten Rahmen.

Eine bestimmte Vision, ein klares Konzept und einige Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb dieses Rahmens können viel hilfreicher sein als völlige Offenheit. Die Teilnehmer bekommen Orientierung, können trotzdem ihre eigenen Farben und Details wählen und haben am Ende das Gefühl, etwas Eigenes geschaffen zu haben. Für mich bedeutet Kreativität deshalb heute nicht mehr, dass alles erlaubt sein muss. Kreativität kann auch innerhalb bestimmter Grenzen entstehen.

Und manchmal hilft eine Vorgabe sogar dabei, überhaupt erst kreativ werden zu können.

Nicht jede Entscheidung muss beim Kunden liegen

Das ist vielleicht eine der überraschendsten Lektionen, die ich aus den Workshops mitgenommen habe. Als Unternehmerin denkt man schnell: Je mehr Auswahl ich anbiete, desto besser ist mein Service. Je mehr Möglichkeiten meine Kunden haben, desto individueller kann ich auf ihre Wünsche eingehen. Aber gerade bei einem Erlebnis, bei dem Menschen etwas zum ersten Mal ausprobieren, kann zu viel Auswahl genau das Gegenteil bewirken.

Die Aufgabe von mir als Workshop-Leitung besteht deshalb nicht nur darin, möglichst viele Möglichkeiten bereitzustellen. Sie besteht auch darin, die richtigen Möglichkeiten auszuwählen und einen Rahmen zu schaffen, in dem Menschen gute Entscheidungen treffen können.

Das gilt für die Füllungen genauso wie für die Gestaltung. Ich möchte den Teilnehmern nicht ihre Kreativität abnehmen. Ich möchte ihnen vielmehr so viel Orientierung geben, dass sie sich auf das konzentrieren können, worum es eigentlich geht: ausprobieren, gestalten und Freude daran haben, etwas mit den eigenen Händen zu erschaffen. Und genau das passt eigentlich perfekt zum bisherigen Kerngedanken des Artikels:

Ästhetik darf nicht auf Kosten der Erfahrung gehen. Und genauso darf Freiheit nicht auf Kosten der Erfahrung gehen.

Die beste Lösung ist nicht immer die mit den meisten Möglichkeiten. Manchmal ist sie die, die genau genug vorgibt, damit der Rest leicht und intuitiv werden kann.


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